Board Track Racing: Der Ritt auf der Rasierklinge

Begonnen von Psyflyer, 20 Apr 2026, 13:39

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Psyflyer

In den frühen 1910er und 20er Jahren erlebte Amerika eine der spektakulärsten und zugleich tödlichsten Motorsport-Ären der Geschichte: das Board Track Racing. Auf gigantischen Ovalen, den sogenannten ,,Motordromes", rasten Pioniere auf Maschinen wie der Indian 8-Valve gegen die Zeit und den Tod.
Die Bahnen: Giganten aus Holz
Die Rennstrecken bestanden aus Millionen von Kiefern- oder Fichtenholzbohlen, die hochkant aneinandergereiht wurden. Mit Steilkurven von bis zu 60 Grad waren diese Bahnen darauf ausgelegt, die Fliehkraft zu nutzen, um Geschwindigkeiten jenseits der Vorstellungskraft zu ermöglichen. Ein Reifenplatzer in dieser Lage war aufgrund der wirkenden G-Kräfte fast immer ein Todesurteil.
Die Maschinen: Puristische Kraft
Motorräder wie die 1914er Indian waren hocheffiziente Geschosse ohne Kompromisse:

    Keine Bremsen & keine Kupplung: Jedes Gramm Gewicht wurde gespart. Gebremst wurde durch das Kurzschließen der Zündung oder wie bei meinem Vorbild durch ausheben der Einlassventile so das die Kompression zusammenbricht; gestartet durch Anschieben oder Anschleppen.
Radikale Technik: Die 1000 ccm 8-Ventil-Motoren waren technische Meisterwerke, die die Fahrer auf über 190 km/h katapultierten – auf Reifen, die kaum dicker waren als die eines heutigen Fahrrads.

Die Gladiatoren der ,,Murderdromes"
Die Fahrer waren Superstars, deren einziger Schutz aus einer Lederkappe und einem Wollpullover bestand. Helden wie ,,Texas" Cyclone Taylor oder Charles ,,Fearless" Balke wurden für ihren Mut gefeiert, während sie im dichten Ölnebel und aufgewirbelten Holzstaub um ihr Leben fuhren. Um den Hals verklebenden Staub und Öl entgegenzuwirken, kauten die Piloten oft auf Zitronenscheiben, um den Speichelfluss anzuregen.
Das Risiko war allgegenwärtig: Das Öl der Verlustschmierung verwandelte die Bahnen in spiegelglatte Fallen, und morsche Bohlen wurden zu tödlichen Geschossen. Diese extremen Unfallraten brachten den Bahnen den schaurigen Namen ,,Murderdromes" ein.
Das Vermächtnis
Mitte der 1920er Jahre verschwand das Board Track Racing. Die Kosten für den Erhalt der Holzbahnen waren zu hoch, das Risiko für Fahrer und Zuschauer nicht mehr tragbar. Doch die Maschinen – wie mein Modell der 1914 Indian – bleiben als mechanische Denkmäler einer Zeit bestehen, in der Mut noch keine Grenzen kannte.

Technische Daten: 1914 Indian 8-Valve Board Track Racer
Motorbauart   42-Grad V-Zwei-Zylinder (V-Twin)
Ventilsteuerung   OHV (Obenliegende Ventile), 4 Ventile pro Zylinder
Hubraum   998 ccm (60.92 cubic inches)
Bohrung x Hub   82,5 mm x 93,6 mm (3.25" x 3.68")
Leistung   ca. 15 – 20 PS (je nach Abstimmung und Kraftstoff)
Verdichtung   ca. 5.5 : 1 (für damalige Verhältnisse sehr hoch)
Vergaser   Schebler Modell L (Rennversion)
Zündung   Bosch Hochspannungs-Magnetzünder
Schmierung   Verlustschmierung (Handpumpe am Tank + Tropföler)
Antrieb   Direkte Kette (kein Getriebe, keine Kupplung)
Rahmen   ,,Keystone"-Typ (Motor ist tragendes Element)
Gewicht   ca. 115 – 125 kg (fahrfertig, extrem reduziert)
Höchstgeschwindigkeit   ca. 115 - 120 mph (ca. 185 - 195 km/h)

Mein Vorbild der Indian 8Valve (die letzte im fast Orginalzustand erhaltene Indian Werksrennmaschie)war 2008 im Guggenheim Museum im Zuge der Ausstellung "The Art of Motorcycle" ausgestellt - 2022 wurde die Maschine auf einer Bonhams Auktion an einen privaten Sammler verkauft - seitdem ist sie der Öffentlichkeit nicht mehhr zugänglich, die Bilder des Auktionshauses dienten mir als Vorlage zur Rekonstruktion. Ich wünsche euch viel Spaß beim betrachten.
Gruß Rainer

Michael Meyer

Hallo Rainer,

wow, wunderschön. 😯👍

Danke für die Einblicke

Michael